Singstunden sind ja nicht nur zum Singenlernen da, sondern auch, um nach der
Singstunde noch gemütlich zusammen zu sein, ein Gläschen Bier oder Wein zu
trinken und auch das Gelernte zum besten zu geben. Hält man sich dabei auch
noch an die Polizeistunde und geht ruhig nach Hause, dann ist alles in bester
Ordnung. Doch meistens kommen die besten Gedanken immer in den letzten Minuten
vor dem nach Hause gehen. Warum das so ist konnte bis jetzt noch niemand ergründen.
So war es auch an jenem Samstagabend nach der Singstunde. Der Ortsdiener
Bertsch hatte mal wieder sein ,,Feierabend" gebrüllt. Die meisten gingen
auch sofort nach Hause. Nur ein Teil der ,,Clique" mit dem hochverehrten
Dirigenten Reiser waren noch da und wollten Walters Leibstückchen ,,Nun leb
wohl, du kleine Gasse" singen. Auf Vorschlag sollte das Lied als Ständchen
vor Walters Elternhaus gesungen werden. Damit aber beim Anmarsch keine Ruhestörung
gemacht wurde, zog man vorsichtshalber schon auf der Lamm-Treppe seine Schuhe
aus. Der Marsch zu Walter's Elternhaus war zwar nicht weit, doch wegen des
vorher niedergegangenen Regens nicht sehr angenehm. Das Liedchen wurde gesungen
- zuerst ganz Piano - doch beim dritten Vers hatte auch der sonst so gefürchtete
Dirigent keine Gewalt mehr über seine Sänger. Mit voller Lautstärke und
Inbrunst wurde gesungen! - Doch das Auge des Gesetzes wachte und stellte sich
auch ein.
Obwohl sich niemand in seiner Nachtruhe gestört fühlte, bekam jeder zum
Andenken einen Strafzettel wegen Ruhestörung und von den kalten und nassen Füßen
einen Schnupfen.