Waldenserort Palmbach La Balme
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Pfarrer Gustav Meerwein


Wenn wir heute denkwürdige Daten und Geschehnisse der jüngeren Geschichte Palmbachs festhalten wollen, so gehört hierher auch die Erinnerung an Pfarrer Gustav Meerwein.

Gustav Adolf Meerwein war von 1897 bis 1911 Pfarrer der Gemeinden Palmbach und Untermutschelbach. Der am 8.11.1860 in Pforzheim geborene Meerwein hatte 2 Jahre die Pfarrstelle in Durmersheim und 11 Jahre die Pfarrei in Mühlhausen inne, bevor er nach Palmbach versetzt wurde.

Pfarrer Meerwein war bis über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt. Er hat sich besonders um die Wiederbelebung des Waldensertums in Baden und um die Ortsgeschichte von Palmbach verdient gemacht.

 

(Grabstein von Pfarrer Meerwein auf dem Friedhof von Neulingen - Nussbaum.)

Die Geschichte von Palmbach und den Waldensern lagen ihm als Heimatforscher besonders am Herzen. So unterstützte er auch Pfarrer Adolf Märkt bei den Vorbereitungen der 200-Jahr-Feiern der Waldenserorte in Württemberg und Baden. Er beriet Pfarrer Heinrich Braun bei der Gestaltung der 200-Jahr-Feier, die 1899 in Welschneureut stattfand, und war 1901 maßgeblich an den Feierlichkeiten in Untermutschelbach beteiligt.

Den Höhepunkt bildete die 200 Jahr-Gedenkfeier in Palmbach im Jahre 1901, die er organisiert hatte. Noch bis in die 60er Jahre erzählten ältere Mitbürger über diese Festlichkeiten. Einige Begebenheiten dieses Jubiläumsfestes wurden bis in die heutige Zeit weitergegeben. Als Festredner traten Pfarrer Adolf Märkt und Paolo Calvino aus Lugano auf.

Zur großen Freude von Meerwein nahmen auch der Großherzog von Baden und seine Frau an den Festlichkeiten teil. Die Anwesenheit des großherzoglichen Paares und die Ansprache des greisen Landesfürsten Friedrich I. in der Kirche hat auf alle einen tiefen Eindruck gemacht.
Durch deren finanzielle Zusagen ermutigt, nahm Meerwein in den folgenden Jahren den Neubau der Waldenserkirche in Palmbach in Angriff.

Pfarrer Meerwein schrieb auch die Ortschronik von Palmbach und Untermutschelbach im Jahre 1901. Deren Titel lautet: ,,Zion, halte deine Treu!". Der Verkaufserlös seiner Ortschronik war für den Bau der neuen Palmbacher Kirche bestimmt.

Die Palmbacher sollten nicht nur der Glaubenstreue der alten Waldenser nacheifern, sondern es auch, "an der Treue gegen Kaiser und Reich, Fürst und Vaterland nicht fehlen lassen". In diesem Sinne arbeitete Meerwein, bis er Palmbach 1912 verließ.

Ihm verdanken wir den Einblick in die Ortsgeschichte, denn was in unserem Jubiläumsjahr erzählt und geschrieben wird, stammt vieles aus seinem Büchlein "Zion, halte deine Treu"', das er zur 200-Jahrfeier herausgab. Er war somit der Verfasser der ersten Palmbacher Ortschronik, die die junge Geschichte unserer Heimatgemeinde zusammenfasst.

Nachdem im Jahre 1902 ein neues Schul- und Rathaus errichtet wurde, kam es 1906 zum Bau der neuen Kirche. Pfarrer Gustav Meerwein ist es zu danken, dass der Kirchenbau zustande kam.

Unzählige Bittgänge und der unermüdliche Sammeleifer Pfarrer Meerweins schufen erst die finanzielle Grundlage zum Bau der schmucken Kirche, die wir heute in Palmbach haben.
Es scheint uns angebracht, wenn wir an dieser Stelle eine kleine für den persönlichen Einsatz von Pfarrer Meerwein charakteristische Anekdote einflechten, die von alten Dorfbewohnern über seine Bittgänge zum Landesfürsten erzählt wurde:

Meerwein war auf der Rückkehr von einer Behörde wieder einmal zu seinem Landesfürsten gegangen und hatte dort um eine Audienz gebeten. Da er nicht gleich vorgelassen wurde, ging er im Schloßpark spazieren. Nach einer Weile schaute der Fürst zufällig zum Fenster hinaus und fragte seinen Diener, wer der Mann dort im Park sei. ,,Majestät", antwortete der Diener, ,,das ist der Bettler von Palmbach". ,,Mein Gott", sagte der Fürst, ,,laß ihn heraufkommen, den bringen wir sonst überhaupt nicht mehr los."

Der Bau der neuen Kirche erforderte 56.340 Mark; diese Summe wurde bestritten aus dem seit 1886 angesammelten Kirchenbaufond, der um die Jahrhundertwende 14.782 Mark betrug, aus einem Unterstützungsbeitrag aus allgemeinen Kirchenmitteln in Höhe von 10.000 Mark, aus namhaften Beiträgen des Großherzogs  (der auch die große Glocke stiftete)  aus Beiträgen der politischen Gemeinde und vor allem aus Gaben, die Pfarrer Meerwein von vielen großzügigen Spendern zusammenbrachte.

 

In Tageszeitungen wurde zu Spenden aufgerufen und auch die zahlreichen Spender aus ganz Baden veröffentlicht.

Die Grundsteinlegung fand am 22. April 1906 mit einer Feierstunde statt. Die Bauarbeiten schritten schnell voran. Bereits am 28. Oktober des selben Jahres konnte die Weihe der neuen Kirche vorgenommen werden. So unansehnlich das erste Kirchlein von La Balme aus dem Jahre 1725 gewesen war, so schmuck und stattlich wurde die neue Palmbacher Kirche. Wie das neue Rathaus, wurde sie aus dem roten Sandstein der Steinbrüche zwischen Palmbach und Grünwettersbach errichtet - Harmonisch fügen sich das schöne Hauptportal und die vielen kleinen und größeren Spitzbogenfenster in den Gesamtbau und architektonisch  besonders ansprechend gelungen, überwölbt die - an neugotische Kirchen erinnernde hölzerne Deckenkonstruktion den anheimelnden Innenraum der Kirche - An die unvergessene Waldenserzeit erinnern das in Sandstein eingemeißelte ,,Lux lucet in tenebris" über dem  Haupteingang, die beiden großen Holztafeln in französischer Sprache rechts und links des Altars und das bunte Fensterbild an der linken Seite des Innenraumes über der Männerempore, das eine Gruppe von Waldensern in ihrer Heimattracht darstellt.

 

Durch diesen schönen Bau der neuen Kirche mit dem schlanken, 35 Meter hohen Kirchturm, hat das Dorf nun seit fast 100 Jahren einen neuen, würdigen Mittelpunkt, der uns immer an Pfarrer Gustav Meerwein erinnern wird.

Im Jahre 1914 wurde schließlich noch das alte Pfarrhaus abgerissen und ein neues großes Pfarrhaus, wiederum aus Sandstein erbaut. Vor Baubeginn gab es heftige Diskussionen innerhalb der Kirchengemeinde, ob der Neubau vor oder hinter der Kirche erstellt werden solle.

Nach seinem Weggang aus Palmbach, im Jahre 1912, trat Meerwein eine Pfarrstellen in Durmersheim an. Von 1919 bis 1928 war er Pfarrer in Nussbaum.
Pfarrer Meerwein starb am 27. Mai 1935 im Alter von 75 Jahren in Wertheim. Beerdigt wurde er in Nussbaum, da dort das Grab seiner Frau war.

 

Zeitungsbericht 1905 aus einer Tageszeitung bei Achern.

 

Roland Jourdan
(Texte teilweise aus Wettersbacher Heimatbuch)

 

 
Diese Postkarte schrieb Pfarrer Meerwein 1907: 

 

 

 

Postkarte mit neuem Rathaus, neuer Kirche und
noch altem Pfarrhaus. 1907

 


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© Roland Jourdan, Stand 05.05.2006

 


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