Der zauberkundige Pfarrer aus Grünwettersbach
Vom
Jahr 1786 bis 1794 war zu Grünwettersbach ein Pfarrer namens Maier, der hatte
einen kleinen Körper, aber einen großen Geist. Als ein Dreizehnschüler
verstand er die Zauberkunst vollkommen. Er hat auch viele Werke darüber
besessen, namentlich das sechste und siebente Buch Moses. Die hatte er sich
verschafft, als er in Maulbronn auf der Klosterschule war. Da ist er nachts in
die Bücherei gestiegen und hat den von Doktor Faust hinterlassenen Abdruck,
der an einer goldenen Kette hing, vollständig abgeschrieben. Menschen und
Tiere bannen, sie krank oder gesund machen, Wetter bereiten, wahrsagen und
Geister berufen war ihm ein leichtes; doch gebrauchte er seine Kunst niemals
zu bösen Zwecken.
In
der Christnacht pflegte er alle seine Pfarrkinder in Nebelgestalt an sich
vorbeiziehen zu lassen. Dabei legten sich dann alle diejenigen zu Boden, die
im kommenden Jahre sterben mussten.
Am meisten zu schaffen hatte er mit dem Geist eines Kapuziners, der in und bei
der Kirche sowie im Pfarrhaus umging. (Der Gottesdienst zu Grünwettersbach
wurde nämlich früher, als es noch katholisch war, häufig von Kapuzinern
versehen, und zwei von ihnen sind im Kirchturm eingemauert.) Der Geist fürchtete
zwar den Pfarrer und wartete ihm das Vieh; aber in mancher Nacht band er es im
Staue los und trieb es in den nahen Grasgarten oder in die Hecken am Waldrand.
Überdies neckte er das Gesinde auf vielfältige Weise, beohrfeigte zuweilen
nachts den läutenden Kirchner oder den Nachtwächter und lärmte öfters im
Kirchturm so sehr, dass die Bewohner der benachbarten Häuser nicht schlafen
konnten. Nachdem der Pfarrer den Geist wegen dieser Streiche mehrmals
vergebens gezüchtigt hatte, beschloss er, ihn aus dem Orte zu verbannen. Zu
diesem Zweck ließ er sich zwischen elf und zwölf Uhr in der Christnacht vom
Küster in die Kirche leuchten. Da wich der Kapuziner vor ihm aus, er aber
verfolgte ihn bis ganz oben in den Turm. ,,Was willst du?" rief hier das
Gespenst, als es nicht mehr weiter konnte, ,,du bist selbst nicht rein und
hast einmal deinem Vater einen Groschen gestohlen!" ,,Damit habe ich
Papier gekauft und Gottes Wort darauf geschrieben!" gab der Pfarrer zur
Antwort und brachte dadurch den Geist zum Schweigen; ja er beschwor ihn, aus
dem Dorfe zu weichen. Unter heftigem Knall fuhr er zum Turm hinaus, und damit
er ja nicht wiederkomme, setzte der Pfarrer noch eine gewisse Inschrift über
die Pfarrhaustüre.
Als
der Todestag des Pfarrers herankam, den er ebenso wie den seiner Frau
vorhergesagt hatte, legte er sich in seinen fertigen Sarg und befahl dem Vikar
und dem Schulmeister, seine Zauberbücher in der Waschküche zu verbrennen.
Die beiden wollten aber solche seltenen Werke behalten, schafften sie beiseite
und meldeten dem Pfarrer, sie hätten seinen Befehl vollzogen. Da antwortete
der, er wisse wohl, was vorgegangen sei, und sie sollten ihm augenblicklich
gehorchen. Jetzt verbrannten sie die Bücher bis auf zwei. Pfarrer Maier aber,
der wieder alles wußte, sagte ihnen, sie würden ihre Unfolgsamkeit mit dem
Leben bezahlen müssen. Da erschraken sie, überlieferten auch die beiden Bücher
dem Feuer, die wie die anderen äußerst schwer verbrannten. Nachdem dies
geschehen war, verschied der Pfarrer, noch nicht dreiundvierzig Jahre alt, zum
großen Leidwesen seiner Gemeinde. Er wurde an der Kirche, neben seiner Frau
und seinen zwei Kindern, begraben.
Entnommen
aus: "Sagen des Schwarzwaldes" von Wilhelm Straub,
Verlag Konkordia AG, Bühl - Baden, 5. Auflage 1963
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